Home » Ansprache zur 200 Jahrfeier „TzW“ i. O. Potsdam, am 8. Mai 2010

Ehrwürdigster Nationalgroßmeister,

ehrwürdigste Brüder,

ehrwürdige und geliebte Brüder in allen euren Graden!

Zweihundert Jahre „Teutonia zur Weisheit“:ein großartiger Feiertag für unsere Potsdamer Loge.

An einem Tag wie heute sollten wir uns der Wurzeln und des aktuellen Wirkens unseres Bundes erinnern.

Friedrich der Große bezeichnete die freimaurerische Bewegung als „Mode des Jahrhunderts“. Das war die Freimaurerei sicher in ihrem Entstehen und bei der Gründung unserer Loge vor 200 Jahren auch.

Keine andere Gesellschaftsgruppe entwarf so viele Entwürfe der Hoffnung, der Freiheit des Geistes und der Unabhängigkeit wie die Freimaurerei.

Eben ein Hoffen auf die „Unterscheidungsfähigkeit zwischen Dunkel und Hell, zwischen Finsternis und Licht“ —- wie der bedeutendste Prosadichter und Verserzähler der Aufklärung Bruder Christoph Martin Wieland es formulierte.

  • Es war das Erwarten auf Offenheit und Freiheit in einer politisch-sozialen Zukunft.
  • Es war das Hoffen und wie in der Loge das Erleben einer menschlichen Gleichheit jenseits aller Schranken von Stand, Nation und Bekenntnis.
  • Es war die Freude über das Entdecken des Menschen in der Loge.
  • Es war das Bekenntnis zur Humanität, zu

„Menschheit, Menschlichkeit, Menschenpflicht, Menschenwürde und Menschenliebe“

wie schon der Theoretiker der Sturm- und Drangzeit, der Ästhetiker, Philosoph und Klassiker Johann Gottfried Herder es formulierte.

  • Es war die Utopie eines befreiten Menschen ohne Willkür weltlicher oder religiöser Herrschaft.
  • Es war der Wunsch nach moralischen Gesetzen in einer geordneten sozialen Wirklichkeit, einer freien Gesellschaft von Bürgern, einer Bürgergesellschaft im besten und eigentlichen Sinne des Wortes.
  • Auch Bruder Gotthold Ephraim Lessing erkannte: „Die Freimaurerei ist in ihrem Wesen so alt, wie die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – ja, wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist.“

Meine Brüder, ist denn der umschriebene Spannungsbogen nach mehr als zweihundert Jahren freimaurerischer Tradition noch heute erhalten?

Leistet heute die Freimaurerei noch immer einen Beitrag zur modernen Lebenskultur?

Was ist Freimaurerei in der Gesellschaft von heute?

Sie ist nicht, was Fehlbeurteilungen aus Unkenntnis oder Böswilligkeit damals und heute in ihr sahen und sehen:

Sie ist keine politische Bewegung.

Sie ist keine Macht im Verborgenen. 

Sie ist keine Verschwörung, kein Geheimbund.

Sie ist keine Ersatzreligion,keine Nebenkirche,keine esoterische Sekte.

Die Freimaurerei ist ein alter, aus Tradition hervorgegangener und ihr verpflichteter Freundschaftsbund freier, sozial aufgeschlossener, einander zugewandter Menschen.

Sie will auch heute das Ideal der Humanität der Menschen, ihr Recht auf Leben, das Entfalten ihrer Kreativität und das Bewahren ihrer Würde unter den sich verändernden Bedingungen mehr Geltung in der täglichen Realität verschaffen.

Wir Freimaurer versuchen, den Menschen so wie er ist, in seinen sozialen, moralischen und emotionalen Eigenschaften und spezifischen Bedürfnissen ernst zu nehmen.

In unseren Logen sind wir bemüht,diesen Anforderungen zu entsprechen.

Unser Bund trägt mit seinen bleibenden gültigen Werten und Überzeugungen, seinen undogmatischen und von alters her überliefertem Brauchtum, seinen Symbolen und feierlichen Handlungen in vorgegebenen Formen immer wieder neu zur Vertiefung unseres Erlebens bei.

Die Freimaurerei besitzt damals wie heute das geeignete geistige Werkzeug und ein Konzept, um eine offene Gesellschaft toleranter Ungleichgesinnter, in der auch Konflikte ausgetragen und ausgehalten werden müssen, mit zu gestalten.

Wir Freimaurer sind kein Verein von Schöngeistern, wir verfolgen unmittelbar praktische Ziele.

Wir verfassen kein Kochbuch zur Lösung aller Kernfragen unserer menschlichen Existenz, oder zur Bewältigung unseres Daseins.

Wir bieten Rahmenbedingungen, Anregungen, Werkzeuge –überlassen aber jedem deren Gebrauch.

Mit der Erfahrung aus dem Gestern gilt es, mit dem Wissen von heute sich mutig dem Neuen zu stellen.

Ein Freimaurer ist und bleibt Mensch, egal wie lange er an seinem rauen Stein herumwerkelt. Jeder weiß, wie schwer der Kampf um ein ehrliches Verhältnis zu sich, die Bereitschaft zum Eingeständnis seiner Schwächen und Fehlern ist.

Es geht in der Freimaurerei zentral um das Individuum, und ihr Hauptanliegen ist erzieherischer Natur. Die Freimaurerei ist eine Lebensschule zum Erlernen der Lebenskunst.

Neben der Pflicht zur Arbeit am eigenen rauen Stein wird der Freimaurer angehalten, seine Mitverantwortung als Glied der menschlichen Gemeinschaft wahrzunehmen.

Dazu gehört, dass er sich persönlich für Gewissens-, Glaubens- und Geistesfreiheit, für Menschenrechte und Menschenwürde einsetzt.

Und für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Heimatlandes eintritt, jedes aufrichtige Bekenntnis und jede ehrliche Überzeugung achtet, jede Verfolgung Andersdenkender verurteilt und der Intoleranz entgegentritt.

Freimaurerische Toleranz entspringt der Einsicht, dass niemand die absolute Wahrheit besitzt und dass wir deshalb jedem auch dann mit Achtung, Verständnis und Duldsamkeit begegnen sollen, dessen Ansichten wir nicht teilen.

Unser Bund ist ein Gegenpol zu den Zigtausenden neu entstandenen bzw. entstehenden heilsversprechenden Organisationen,zur wachsenden Orientierungslosigkeit weltweit.

Zu den heilsversprechenden Ideen  zähle ich sehr bewusst auch die Ideen des Sozialismus, des Kommunismus und des Nationalsozialismus.

Es findet sich keine vergleichbare Organisation, die so umfassend darauf ausgerichtet wäre, die verschiedenen Erfahrungsebenen der menschlichen Existenz zu einem Ganzen zu vereinen.

Wir wollen das Individuum auf seine innerste Natur und auf die Kernfragen des Lebens, seines Woher, Wozu und Wohin zurückzuführen und es zugleich in die Pflicht nehmen gegenüber sich selbst und der Gemeinschaft.

Das Ideal der grenzüberschreitenden Bruderkette ist weit mehr als eine Floskel, sie ist direkt erlebbare Wirklichkeit. Die Loge löst gesellschaftliche Unterschiede auf, in ihr sind der Weiße und der Schwarze, der Jude und Muslime, der Generaldirektor, der Gärtner und der Soldat absolut gleichgestellt und jeder, unabhängig von seinem weltlichen Rang, muss den Weg vom Lehrling zum Meister durchlaufen.

Ein Fühlen am Puls der Zeit und ein Blick auf die gegenwärtigen Geschehnisse in der Welt genügen, um zu sehen, dass die Freimaurerei mit ihren Grundprinzipien überaus aktuell ist, ja vielleicht sogar aktueller ist denn je.

Sorgen auch wir dafür, dass sie es auch in Zukunft bleiben wird.

Und was auch nach mehr als Zweihundert Jahren gilt ist dies:

Im Wassertropfen spiegelt sich die Welt.

Was die Freimaurerei für die Gesellschaft leistet, leistet sie vor allem und nur durch den einzelnen Bruder.