Gleichheit

Die Grundsätze der Freimaurerei sind Humanität und Toleranz später kamen noch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dazu.

Freimaurer sind Gleiche unter Gleichen.

So wird es zumindest gelehrt. Das junge (im Sinne von neuen) Freimaurer daran sehr schnell zweifeln ist völlig klar. Diese Zweifel beruhen auf der Tatsache, dass die Freimaurerei durchaus hierarchische Strukturen aufweist, die anfangs dem Einen oder Anderen extrem vorkommen. Die hierarchischen Grade der Freimaurerei leiten sich aus den alten Bauhütten des späten Mittelalters ab. Es gibt drei Grade, den Lehrling-, den Gesellen- und den Meistergrad.

Ein neu aufgenommener Freimaurer besitzt als Lehrling innerhalb der Loge kaum Rechte. Er darf während der rituellen Arbeiten nicht reden und auch nicht an allen Veranstaltungen der Brüder teilnehmen.

Selbst nach längerer Mitgliedschaft in der Loge, wenn der Freimaurer Geselle geworden ist, hat er noch immer nicht alle Rechte. Er darf dann zwar in den rituellen Arbeiten nach Meldung und Aufruf reden, hat aber immer noch kein Wahlrecht.

Dieses Recht steht nur den Meistern der Loge zu.

Selbst für Meister gibt es Unterschiede. Der Meister vom Stuhl wird im Zweifel immer das letzte Wort haben. Die Aufseher sind den übrigen Brüdern gegenüber eine abgemilderte Art von Vorgesetzten, was schon in der Tatsache begründet liegt, dass sie zusammen mit dem Meister vom Stuhl den Vorstand des „Vereins“ bilden. 

Die einzelnen Logen sind wiederum den Großlogen der jeweiligen Länder gegenüber Weisungsgebunden.

Die Großlogen der Länder wiederum unterstehen in einigen Punkten der englischen Großloge.

Also eine extrem straffe Hierarchie, die vom Interessierten, bis zur Großloge von England reicht. Das da von Gleichheit die Rede ist, mag viele verwundern.

Diese Art von Gleichheit ist aber auch nicht gemeint. Das hierarchische System der Freimaurerei hat einen Sinn. Dafür gibt es viele Gründe.

Die Freimaurerei will eine Hilfe und Werkzeuge für ein besseres Leben bieten. Sie will versuchen „aus einem guten Mann einen besseren“ zu machen. Da hierzu eine komplexe, umfangreiche Änderung des jeweiligen Freimaurers notwendig ist, die noch dazu aus ihm selbst kommen muss, bedarf es einer langen Zeit und einiger Anstrengungen. Eine Lernphase ist daher für jeden Freimaurer unumgänglich. Wie lange diese dauert und wann der nächste Schritt folgen soll, entscheiden die neuen Freimaurer weitestgehend selbst. Während dieser Lernphase sind die Brüder für Fragen und Hilfen da. Insbesondere bei den Ritualen, Gesetzen und Gepflogenheiten der Freimaurerei, die überwiegende mehrere hundert Jahre alt sind, ist es dazu unumgänglich, dass ein neuer Freimaurer sich an den Weisungen der älteren Brüder orientiert.

Soweit zur Hierarchie innerhalb der Logen.

Nun kann man sich fragen wo denn nun eigentlich die Gleichheit bleibt, die ein Hauptanliegen der Freimaurerei darstellt.

Sie ist in der Tatsache begründet, dass es bei den Freimaurern keinen Rang und Titel gibt. Jeder freie Mann von gutem Ruf kann Freimaurer werden. Unter den Brüdern gibt es keine Unterschiede, die aus der Stellung oder dem Rang des Einzelnen in der profanen Welt beruhen. Der Straßenkehrer ist genauso viel Wert, wie der Bundesminister. Jeder Freimaurer kann jedes Amt bekleiden und wird nach seiner Dienstzeit wieder in die Reihen der Brüder zurücktreten. Insofern sind wir Gleiche unter Gleichen.

Dazu noch ein Zitat von einem früheren Bruder:

„Draußen: Herr! Wachtmeister! Ein schroffes Dienstgesicht ! Doch drinnen nur: Mein Bruder! Mit Rang und Titelverzicht ! Der Zirkel, die Waage gleicht alles aus.“

Rudyard Kipling